VI. Festival Lateinamerikanischer Poesie in Wien

Waltraud Seidlhofer Gedichte



Aber immer noch
fassen unsre Träume halt
in der Deichsel
des Großen Wagens
und wir betrinken uns
aus dem Meer
zwischen Othrys und den Dardanellen.
Das türkische Alphabet
hab ich gelernt
und das chinesische Zeichen für Liebe
nachgeschlagen
in einem silbernen Pergament.
In unsere Sprache
übersetze ich dir
die Langeweile
schreibe sie 
an die Wand mit glühenden Griffeln.
Ich sammle den Spott wie andere ihre Tränen.
Aber worum ich weine:
Harlekin,
der meine Sehnsucht in steinerne Brunnen wirft,
Münze für Narren und Kinder

© Waltraud Seidlhofer, Podium Porträt 48, 2009


schach

warte
nicht länger
wir haben
verspielt bevor wir begonnen
denn unsere bauern
rücken
auf leeren feldern
ihren pflug durch die luft
und träumen
von einem könig
und seiner dame

© Waltraud Seidlhofer, Podium Porträt 48




du hast mich das leben
aus kraft und verachtung gelehrt
dem die nächste
zu blühen beginnen die finsternis
in helle erwartung gerinnt
aus winterlicht
sind wir geboren
aus dem zärtlichen
gleichmut des eises
uns trägt der untergang
über offenen teichen

© Waltraud Seidlhofer, Podium Porträt 48



skyart

deltagleich
licht
in den himmel
gespiegelt
von entfernten 
strahlen der sonne
in wolken
gewebt
ueber fluss
&
dem huegel

:

starre
geometrie
in verdunstetem
wasser

windbewegt
gezogen
aufwaerts
den fluss
schimmernd schneeweiss
/sinnlos/
/selige/
/reise/

© Waltraud Seidlhofer, Podium Porträt 48