VI. Festival Lateinamerikanischer Poesie in Wien

Elicura Chihuailaf Gedichte



Der Schlüssel, den niemand verloren hat

Die Poesie ist zu nichts nutze 
sagen sie mir 
Und im Wald streicheln einander die Bäume 
mit ihren blauen Wurzeln 
und ihre Zweige bewegen die Luft 
sie grüßen mit den Vögeln 
das Kreuz des Südens 
Die Poesie ist das tiefe Raunen 
der Ermordeten 
das Geräusch der Blätter im Herbst 
die Trauer um jenen Burschen
der die Sprache bewahrt
aber die Seele verloren hat 
Die Poesie, die Poesie ist eine Geste 
ein Traum, die Landschaft 
deine Augen, meine Augen, Mädchen 
Ohren, Herz, die Musik selbst  

Und ich sage nichts mehr, denn niemand 
wird den Schlüssel, den niemand verloren hat, finden 
Die Poesie ist der Gesang meiner Ahnen 
der Wintertag, der brennt und  
erlischt
diese ach so persönliche Melancholie.

© Elicura Chihuailaf, De sueños azules y contrasueños , 1995
© Übersetzung: Melamar, 2011


Stein

Die Steine haben eine Seele 
sagt unser Volk 
deshalb darf man nicht vergessen 
mit ihnen zu sprechen 
Es gibt positive Steine 
die die Machi-Schamanen 
auf ihre Kultrun-Trommel legen 
damit sie tanzen 
und es gibt negative Steine 
die glänzen wie Glas 
und spenden bloß Schatten von Licht 

Elicura Chihuailaf, Sueños de Luna Azul, 2008 
© Übersetzung: Melamar, 2011


Kreis

Wir sind Lernende
in dieser Welt des Sichtbaren
und wissen nichts von der Kraft
die uns bewohnt und bewegt
und unsichtbar
ihre Reise fortsetzt
in einem Kreis 
der sich öffnet und schließt 
in zwei Punkten die sich einen
Ursprung und Wiederfinden 
im Blau 

Elicura Chihuailaf, Sueños de Luna Azul, 2008 
© Übersetzung: Melamar, 2011


Die Zeit die träumt, die wir träumen die uns träumt

Das Wort entspringt der Natur 
und kehrt zurück zum unermesslichen Blau 
von dem aus es uns belebt und tröstet 
Wenn das Wort glaubt, sich vorstellt 
sich selbst zu fragen 
so ist es nichts als das Namenlose, das es fragt 
um es zu erschüttern 
um den Staub abzuschütteln, um zu versuchen 
ihm seinen ursprünglichen Glanz wiederzugeben
Woher sonst der Wunsch 
alles zu sagen 
wenn, wie in einem Gewebe, das Jetzt 
- in der zirkulären Zeit - 
existiert und sich mit den 
Fäden des Gestern und des Morgen 
vervollständigt?

So spricht zu uns die Zeit, die träumt 
die uns träumt. Die wir träumen. 

© Elicura Chihuailaf, Sueños de Luna Azul, 2008 
© Übersetzung: Melamar, 2011