mehr inhalt
deine geschichten haben zu wenig
inhalt, sagte der kritiker und schaute mir wohlwollend,
aber ernst in die augen. aha, inhalt,
sagte ich, was ist das eigentlich? Ich mag keine
inhalte, die sind
so vergŠnglich, die stecken
so voller irrtŸmer und anma§ungen, voll von falschem. ich
mšchte geschichten ganz ohne inhalt
schreiben, ganz leichte, die wie ein fisch im
stehenden wasser schweben. merkst
du die schei§e? jetzt
wird's inhaltlich, sagte ich, nur
weil du mehr inhalt forderst. der inhalt
ist der feind
jedes textes, von geschichten will ich gar nicht reden. inhalt - mir wird schlecht. ich muss aufhšren.
vorzeichen
als die dogge des tierfreundes und deutschen reichskanzlers fŸrst otto von bismarck-schšnhausen den
dackel des hoteliers straubinger
zu tode biss,
sahen viele kurgŠste von bad gastein darin ein schlechtes
vorzeichen fŸr die kŸnftigen deutsch-šsterreichischen
beziehungen. allerdings
wurde gleichzeitig und glaubwŸrdig von augenzeugen berichtet, dass der dackel voll
bewunderung fŸr das edle deutsche tier sich mit wollust hatte
zerbei§en lassen. auch das war ein
vorzeichen.
© Friedrich
Achleitner, und oder
oder und
© paul zsolnay
verlag, Wien 2006
milchtrinker
mein vater, glŸhender
verehrer des milchtrinkers fŸhrer, hasste milch. auch ich hasste als kind milch, also verehrte ich, wie mein
vater, den fŸhrer. besonders
beeindruckt hat mich ein foto, das den ÈfŸhrer im feldeÇ
bei den soldaten zeigte, wobei der
fŸhrer milchtrinkend auf einem feldtischchen eine halbe scheibe kommissbrot
liegen hatte. auf dieser lag eine
viertelscheibe und vielleicht
noch eine achtelscheibe und schlie§lich noch ein bissen,
so dass sich eine kleine stufenpyramide
ergab. au§erdem
spreizte der fŸhrer den kleinen finger vom glas. das war stil.
unser knecht,
zum beispiel, hielt den lšffel immer in der geschlossenen
faust. was mir aber noch
nicht auffiel, war, dass der gro§e
baumeister namens fŸhrer mit dem brot
ein kleines grabmal errichtete. der polenfeldzug
hatte gerade begonnen.
© Friedrich
Achleitner, und oder
oder und
© paul zsolnay
verlag, Wien 2006
bšhmisches schloss
auf einem bšhmischen schloss ist immer
herbst. auf einem bšhmischen schloss regnet es immer. es riecht nach moder und herbst. die alleen
sind traurig, weil sie zu
einem schloss fŸhren, das immer im regen steht.
sie hassen
das schloss, den regen, den
nebel und die nassen gelben und roten blŠtter zu ihren
f٤en. sie
hassen ihre nackten nassen zweige. sie
hassen den herbst, das schloss und den regen. nur schlechte
poeten hoffen, auf einem bšhmischen schloss franz kafka
zu begegnen.
© Friedrich
Achleitner, und oder
oder und
© paul zsolnay
verlag, Wien 2006
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