Fragmente 1951
(ein fragment)
In gewissem Sinn geht die Welt jeden Tag unter. Indessen
Ÿberlebt sie es im anderen Sinn.
Im dritten Šndert sich gar nichts.
Etwa kreist Sirius weiter um seinen Begleitstern,
und ein Blatt fŠllt in den Lehm,
wenn der Abendwind weht.
© Andreas Okopenko, Gesammelte Lyrik,
© Jugend und Volk Verlag, edition neue texte, Wien MŸnchen
1980
Nachruf auf einen KŸnstler
1
Er unterhielt uns, weil sein Leben
sinnvoll war.
Sein Leben war sinnvoll, weil er
uns unterhielt.
2
Sein Leben war sinnvoll, weil er
uns unterhielt?
Er unterhielt uns, weil sein Leben
sinnvoll war.
3
(Die Reihung der Abschnitte ist
umzukehren.)
4
(Die ZulŠssigkeit der Umkehr ist
in Frage zu stellen.)
© Andreas Okopenko, Gesammelte Lyrik
© Jugend und Volk Verlag, edition neue texte,Wien MŸnchen 1980
Trugbilder 4
(Hommage ˆ Ram—n G—mez de la Serna)
Emilie Z., eine Šltere Dame, die ihre Jugend in einer
Erziehungsanstalt verlebt hatte, hielt zeitlebens viel von dem GerŸcht, in
alten sonst wertlosen MšbelstŸcken seien zuweilen ganz betrŠchtliche Geldsummen
verborgen. Sie Ÿberraschte mich beim morgendlichen Rasieren mit der Nachricht,
da§ sie im Laufe der Zeit einiges an Ersparnissen zusammengebracht habe, um
welches sie nun im altmodischen Gewšlbe auf der Linzerstra§e, woher ich immer
meine KleidungsstŸcke fŸr den Alltag bezogen hatte, eine Unmenge verfallener Mšbel
einzukaufen beabsichtigte.
Stundenlang gingen in ihrer Wohnung Hammer und SŠge, und
als sie endlich alles Mobiliar zu Scheiten und SpŠnen verarbeitet hatte, kam
sie abermals, mir von einer erfreulichen Entdeckung zu melden: sie hŠtte einen
HolzhŠndler ausfindig gemacht, der fŸr Brennholz zuweilen eine ganz betrŠchtliche
Geldsumme..........
© Andreas Okopenko, Der Akazienfresser
© Residenz Verlag, Salzburg 1973
Prosa hinter dem Wahnsinn
Sie mŸssen entschuldigen, gnŠdige Frau, wenn ich
Ihnen andauernd in das Gesicht huste.
Es widerspricht, wie ich wohl wei§, der guten Sitte
unserer Konvention.
Aber was sagt das heute, wo nicht
einmal die Genfer Konvention uns zuverlŠssig zu schŸtzen vermochte.
Sie mŸssen entschuldigen, gnŠdige Frau, wenn ich
Ihnen andauernd in das Gesicht huste.
Aber seit dem letzten Bakterienkrieg ist
meine Lunge, wie man sagt, etwas angegriffen.
Vielleicht auch, da§ der Mšrtelstaub mir schadete an dem
Morgen, als ich ein StŸck Kohle mit meinen Fingern hervorkratzte unter meinem
Wohnhaus.
Ich brauchte das StŸck Kohle nicht zum Heizen (es
war ein warmer FrŸhseptembertag), sondern das StŸck Kohle war meine Frau.
Wollen Sie, GnŠdigste, es nicht als
ZurŸcksetzung empfinden, wenn ich hier nochmals betone: meine Frau war hŸbsch...und
so jung.
Wie man sieht, kann gelegentlich der Fall eintreten, da§
eine Photoaufnahme mehr €hnlichkeit mit dem Originalobjekt hat als dessen eigene (nur umgewandelte) Substanz. So kŸsse ich
zum Beispiel nie die Kohle, sondern immer das Papier.
Sie gehen heute ins Theater?
Sind Sie nicht auch, gnŠdige Frau, der Ansicht, da§ Jean
Paul Sartre einige Schuld am letzten Kriege zuzumessen ist?
Sie wŸrden sich gerne mit mir unterhalten darŸber?
Heute abend, wenn Sie allein sind, sagen Sie?
GnŠdige Frau, ich mu§ zutiefst bedauern, doch halten andere
Verpflichtungen mich ab, von diesem Vorzug Gebrauch zu
machen. Ich habe einen ganz bestimmten Tagesplan, an
dem zu rŸtteln nicht in meiner Macht steht; abends zum Beispiel spucke ich
meine Lunge aus.
Oh nein, beim letzten Gartenfest war ich nicht zugegen.
Drei Orchester, sagen Sie?
Unter uns, gnŠdige Frau: Sind Sie von der Notwendigkeit
eines vierten Weltkrieges Ÿberzeugt?
© Andreas Okopenko, Gesammelte Lyrik
© Jugend und Volk Verlag, edition neue texte, Wien MŸnchen
1980
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